Meistens spricht sie - schreiben kann sie aber auch...

Morgens ab 6 Uhr moderiert Jenny Heimann regelmäßig bei Radio WAF. Am Nachmittag trifft man sie jedoch eher auf dem Spielplatz oder in der Krabbelgruppe an. Denn ihre zweijährige Tochter Hannah hält sie ganz schön auf Trab.

Hier in ihrer Radio WAF-Kolumne erzählt Jenny regelmäßig über Chaos und Wahnsinn aus dem Leben einer "Working Mum".

Folge 24: Friseur

Seit  einigen Tagen hängen Hannahs Haare so tief ins Gesicht, dass sie kaum mehr unter ihrem Pony durchgucken kann. Sie sieht ein bisschen aus, wie diese wuscheligen Hunde, bei  denen man vor lauter Haaren keine Augen mehr sieht. Nur;  die Hunde kriegen meistens von ihren Besitzern eine Schleife gebunden, so dass sie wenigstens ein bisschen den Durchblick haben. Aber  Hannah weigert sich, sowohl eine Spange zu benutzen, als auch mit mir zum Friseur zu gehen.

Als ich ihr mittags beim Abholen im Kindergarten verkünde, dass sie jetzt eine neue Frisur bekommt, fängt sie an zu Kreischen. Keine Ahnung warum, schließlich waren die Ladys in meinem Lieblings- Schickimicki Salon immer sehr nett zu ihr, (dafür lasse ich bei meinen Besuchen ja auch genügend Geld in dem Laden) und nach einem gelungenem  Haarschnitt gab es bisher immer Gummibärchen für Hannah. Doch nun hat sie sich auf einmal in den Kopf gesetzt, dass sie Friseurbesuche doof findet.

Am Montag habe ich noch die Hoffnung, dass Hannah nur einen schlechten Tag hat und verschiebe den Friseurbesuch auf den nächsten Tag. Doch auch am Dienstag macht Hannah Theater, genauso am Mittwoch: Sobald ich ihr verkünde, dass wir jetzt zum Friseur fahren, fängt sie an zu Kreischen. Die Kindergärtnerinnen begrüßen mich schon jeden Tag amüsierter: „ Na, wollt Ihr gleich wieder zum Friseur?“ „NEEEEEEEEEIN! Hannah brüllt.  Ich kann mir nur die Ohren zuhalten und resigniert nach Hause fahren. Am Donnerstag habe ich mir eine Taktik überlegt und erzähle Hannah, dass wir heute auf den Weihnachtsmarkt gehen und dort zusammen einen Kakao trinken. Sie ist begeistert. Doch sobald wir auf dem Parkplatz ankommen- und zwar auf  dem, direkt am Weihnachtsmarkt, aber eben auch neben dem Friseursalon, hat sie mich durchschaut.

„ICH WILL NICHT ZUM FRISEUR!!!!“ Ich bin fest entschlossen. Ich hole Hannah aus dem Kindersitz und trage sie trotzdem in den Salon. Sie wütet weiter.

Fünf Frauen mit Umhang und Alufolienkopf sehen mich entsetzt an, der einzig männliche Friseur hebt empört seine gezupften Augenbrauen: „Also nääähhh, DER kann ich hier wirklich nicht die Haare schneiden. Die verjagt mir mit ihrem Gebrüll ja alle Kunden. ..“ Ich blicke ihn noch mal flehentlich an, aber der Friseur bleibt hart. Wütend trage ich die schreiende Hannah wieder zurück ins Auto. Ich bin stinksauer. Dafür bessert sich ihre Laune augenblicklich. 

„Hannah, wenn Du nicht zum Friseur mitkommst, dann schenkt Dir das Christkind kein Filly Pferde Schloss!“ 

Hannah guckt gelangweilt aus dem Fenster.

„Ach, Mama ich brauche auch nix zu Weihnachten. Ich habe eh genug Spielzeug.“

„Hannah, wenn Du nicht zum Friseur gehst, dann darfst Du auch kein Sandmännchen mehr gucken.“

„Ich will auch gar kein Fernsehen. Ich spiele lieber mit Theo.“

„Und Süßigkeiten gibt es auch nicht mehr.“

„Ich esse Butterbrot. Das ist  auch besser für meinen Bauch.“

Na Toll. So viel Vernunft hätte ich mir von meiner Tochter an den übrigen 364 Tagen im Jahr auch mal gewünscht. Zu Hause versuche ich die Mutter einer Freundin zu erreichen. Oma Lydia ist gelernte Friseurin und macht manchmal Hausbesuche. Ich schildere ihr mein Problem und frage sie vorsichtig, ob sie nicht eben vorbei kommen kann. 

Oma Lydia zögert ein Sekunde, seufzt  einmal tief und erklärt dann.

„Nein.

Jenny. Es tut mir leid. Aber ich bin zu alt für solche Jobs. Ich habe mir mal geschworen, dass ich nur noch denjenigen die Haare schneide, die es auch  wirklich wollen. Und keinen kreischenden Kindern mehr.“ 

Lydia legt auf. Ich bin verzweifelt. Wie soll ich Hannah jemals die Haare schneiden, wenn mir hier niemand helfen will??

Am nächsten Mittag packe ich Hannah nach dem Kindergarten ins Auto und fahre mit ihr zu einem anderen Friseur. Ich bin fest entschlossen. Doch sobald Hannah beim Betreten des Ladens erkennt, um was für eine Art von Salon es sich hier handelt, fängt sie wieder an zu brüllen. 

Wenigstens werde ich dieses Mal nicht sofort rausgeschmissen. Eine freundliche Blondine, die sich anscheinend gut mit Kindern auskennt, sieht mich verständnisvoll an. Dann wendet sie sich an Hannah: „Pass mal auf Kleine. Du hast wohl Angst vor der Schere. Guck mal: Ich schneide jetzt dem großen Mädchen hier die Haare, dann kannst Du sehen, dass das überhaupt nicht weh tut.“ Hannah schweigt.

Aber nur kurz. Sobald sich die Friseurin, die Mutter des Mädchen, das Mädchen selbst oder ich versuchen mit ihr ein Wort zu wechseln, fängt sie wieder an: „ICH WILL NICHT!“

Die andere Mutter versucht zwischendurch mit mir ein Gespräch anzufangen. Ganz nach dem Motto: „Ich verstehe gar nicht, was ihre Tochter hat. Meine fand es hier immer schon toll…“ Danke, das sind genau die aufmunternden Worte, die ich jetzt gebrauchen kann.

Die Friseurin wirft mir zwischendurch immer wieder mitleidige Blicke zu. Hannah brüllt weiter, macht nur Pause, wenn sie von der Friseurin mit einem Gummibärchen besänftigt wird. Mir reicht es auf einmal. „Vielen Dank für ihr Verständnis. Aber wir gehen jetzt trotzdem.“ Ich trage Hannah zurück zum Auto und zische ihr dabei ins Ohr: „Du hast es geschafft. Ich bin sehr böse. Und dieses Jahr fällt Weihnachten bei uns deswegen auch komplett aus.“

Hannah heult weiter. Sie hat sich inzwischen so in Rage geschrien, dass sie wahrscheinlich noch nicht einmal  mehr weiß, warum sie eigentlich weint.  

Ich fahre stur nach Hause.

An der dritten Ampel merke ich, dass Hannah eingeschlafen ist. Der Tobsuchtsanfall hat sie  zu sehr erschöpft. Zu Hause angekommen, lasse ich sie weiter schlafen, laufe aber selbst ins Haus und hole unsere große Schere.

In zwei Minuten habe ich der schlafenden Hannah die Haare geschnitten. Und ganz ehrlich, dafür, dass diese Frisur unter sehr erschwerten Bedingungen entstanden ist, sieht sie gar nicht mal soooo schlimm aus! ;-)



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