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Nachrichten aus dem Kreis Warendorf

Im Land des toten Gletschers: Merkel zu Besuch in Island

Die Kanzlerin trifft im hohen Norden die Regierungsspitzen der skandinavischen Länder, die beim Thema Klima höchst ambitioniert vorangehen wollen.

Regierungschefs beraten

Reykjavik (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in Island ein Bild vom Umgang des Landes mit der Natur und ihren Möglichkeiten zur Energiegewinnung verschafft.

Vor einem Treffen mit den skandinavischen Regierungschefs besichtigte die Kanzlerin am Dienstag zunächst das Geothermie-Kraftwerk Hellisheidi rund 30 Kilometer östlich von Reykjavik. Dort produzieren die Isländer aus heißem Wasser Heizenergie und Strom.

Im Rahmen eines Projektes wird auf dem Gelände des Kraftwerks zudem klimaschädliches CO2 aus der Luft eingefangen und in Gestein gespeichert. Später stand ein Treffen mit den skandinavischen Ministerpräsidenten auf Merkels Programm.

Die Kanzlerin nimmt am informellen Sommertreffen der Regierungschefs aus Island, Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland teil, die Skandinavier haben sie diesmal als Gast eingeladen.

Bei dem Treffen soll es unter anderem um das Thema Klimawandel gehen. Die skandinavischen Länder wollen großteils deutlich früher als die Bundesregierung das Ziel der Klimaneutralität schaffen, Island beispielsweise bereits 2040 und damit zehn Jahre vor Deutschland.

Island eignet sich exzellent als Ort für Gespräche über den Kampf gegen die Klimakrise: Am Sonntag hatten Wissenschaftler den ehemaligen Gletscher Okjökull für «tot» erklärt. Dessen Eismassen seien stark abgeschmolzen, daher gelte er formal nicht mehr als Gletscher. Schuld sei der menschengemachte Klimawandel, erklärten die Wissenschaftler bei einer Abschiedszeremonie für den Okjökull.

«Dies wird das weltweit erste Denkmal für einen Gletscher sein, der durch den Klimawandel verloren gegangen ist», sagte die Anthropologin und Filmemacherin Cymene Howe von der US-amerikanischen Rice-Universität vor der Enthüllung einer Gedenktafel an dem Ort, wo sich früher der Okjökull-Gletscher erstreckt hatte.

Bereits nach ihrer Ankunft am späten Montagabend hatte Merkel auf die Kräfte der Natur hingewiesen, die man in Island besonders stark wahrnehmen könne. Ihre bisherige Bekanntschaft mit dem Land sei gewesen, dass sie wegen des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 nur über Umwege aus Amerika nach Deutschland zurückreisen konnte, sagte sie am Montagabend in der Sommerresidenz von Islands Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir im Thingvellir-Nationalpark bei Reykjavik. Die Aschewolke des Vulkans hatte damals den Flugverkehr in weiten Teilen Europas lahmgelegt.

«Ich erwähne das deshalb, weil wir am Beispiel von Island noch einmal stärker lernen können, dass der Mensch mit der Natur pfleglich umgehen muss und dass er ein Stück Demut zeigen muss auch gegenüber der Natur», sagte Merkel. Es tue der Menschheit gut, ab und zu daran erinnert zu werden, welche Kraft, aber auch welche Schönheit die Natur habe, fügte sie hinzu.

Der Greenpeace-Energieexperte Niklas Schinerl forderte konkrete Taten Merkels. «So wichtig der Respekt vor diesem Planeten ist, so klar ist auch, dass nur entschlossene Schritte weg von Kohle, Öl und Gas ihn retten werden», erklärte er. Merkel müsse den Erhalt unserer Lebensgrundlage zur Chefsache erklären und den klimaverträglichen Wandel in Deutschland beschleunigen.

Jakobsdóttir war mit Merkel am Montagabend zunächst durch den Nationalpark gut 40 Kilometer nordöstlich von Reykjavik spaziert. In ihrer Residenz würdigte die isländische Regierungschefin ihren Gast im Anschluss als Vorbild für Frauen in der Politik. «Ich danke dir dafür», sagte sie.

Doch Merkel sah gerade Island als Vorreiter bei der Geschlechtergleichheit. Island liege in dem Gender Gap Report - einer Rangliste für die Gleichstellung von Frauen und Männern - auf der Spitzenposition, Deutschland dagegen nur auf Platz 14. «Wir müssen also noch nachholen. Gerade in der Wirtschaft ist es so, aber auch in der Politik, dass die Frauen noch längst nicht die Parität erreicht haben», sagte Merkel.